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Hintergrund

Seit der ursprünglichen Formierung der Veterinäranästhesie als eine klinische Disziplin innerhalb der Tiermedizin in den fünfziger und sechziger Jahren hat sich der Standard der anästhesiologischen und Schmerzversorgung bei Tieren enorm weiter entwickelt, parallel mit Entwicklungen in der Pharmakologie und Medizintechnik sowie der Notfall- und Intensivmedizin. Zu Beginn stand noch primär die Ruhigstellung von Tieren zwecks Ausführung operativer Eingriffe im Vordergrund, oft unter Vernachlässigung einer zeitnahen und gezielten Überwachung von Narkosetiefe und Vitalparametern. Dagegen gilt es heute wissenschaftlich fundierte Methoden anzuwenden, die anästhetisch wirksame Arzneistoffe mit Analgetika und bisweilen muskelrelaxierenden Wirkstoffen oder Techniken der lokalen und/oder loko-regionalen Anästhesie kombinieren. Bei diesen modernen Narkoseverfahren werden die vitalen Funktionen des Tieres geschont und daher das Risiko wesentlich reduziert. Diese neuen Verfahren begünstigen auch deutlich komplexer gewordene diagnostische oder therapeutische Eingriffe, selbst bei alten und schwerstkranken Tieren, erfolgreich durchzuführen.

Die Association of Veterinary Anaesthetists (AVA), mittlerweile zu einer weltweiten Dachorganisation mit regionalen Organisationsstrukturen weiter entwickelt, wurde 1964 von einer Gruppe britischer Tierärzte gegründet. Diese hatten sich zum Ziel gesetzt, die klinische Verbreitung moderner Narkoseverfahren beim Tier und die Forschung und Lehre auf dem Gebiet der Veterinäranästhesie zu fördern.

1975 formierte sich das American College of Veterinary Anesthesiologists (ACVA) als Vorläufer des heutigen American College of Veterinary Anesthesia & Analgesia (ACVAA) und entwickelte als erste tiermedizinische Organisation international anerkannte Richtlinien zur Ausbildung von tierärztlichen Spezialisten für Anästhesiologie, dabei dem in der Humanmedizin bereits etablierten Weiterbildungsprogram (Residency Program) der American Society of Anesthesiologists (ASA) folgend.

1993 etablierte sich schließlich mit gleicher Zielsetzung auch ein European College of Veterinary Anaesthesia & Analgesia (ECVAA), dessen Ausbildungszentren und Mitgliederzahlen in den vergangenen 10-15 Jahren europaweit exponentiell gestiegen sind.

Ganz der Entwicklung der Humanmedizin in Nord-Amerika folgend, formierte sich 1996 die Academy of Veterinary Technician Anesthetists (AVTA), ein Zusammenschluss hauptberuflich oder überwiegend in der anästhesiologischen Assistenz tätigen tiermedizinischen Pflegekräfte (Registered Veterinary Technicians (RVTs) oder Nurses (RVNs)), und erarbeitete rigorose Ausbildungs- und Qualifizierungsrichtlinien für Narkosefachkräfte in der Tiermedizin (Veterinary Technician Specialists [VTSs] in Anesthesia). Parallele Entwicklungen folgten bald in Großbritannien und in der Schweiz. Das Royal College of Veterinary Surgeons führte das „Diploma in Advanced Veterinary Nursing“ (RCVS DipAVN) in mehreren Aufgabenfeldern ein (u.a. Anaesthetic nursing; Small animal medical nursing; Theatre practice; Diagnostic Imaging; Intensive care nursing). In der Schweiz wurde 2007 die erste Veterinäranästhesie-Schule für Techniker(innen) und Arzthelfer(innen) (VASTA) eröffnet, um tiermedizinischen Praxisassistenten in einem Multimodulkurs berufsbegleitend eine Weiterbildung zum(r) Veterinär-Anästhesie-Techniker(in) (VAT) zu ermöglichen.

Zeitnah formierte sich 2003 auch die seit dem rasch wachsende International Veterinary Academy of Pain Management (IVAPM), die sich als einzige internationale Organisation in der Tiermedizin ausschließlich der Förderung und Weiterverbreitung einer fortschrittlichen Schmerztherapie beim Tier verschrieben hat.

Viele andere hochspezialisierte klinische Disziplinen wie die Augenheilkunde, Chirurgie bei Groß- und Kleintier, Innere Medizin, Neurologie, Onkologie, Dermatologie, Radiologische Diagnostik und andere bildgebende Verfahren, Reproduktionsmedizin oder Zahnmedizin haben sich mittlerweile vielerorts etabliert und somit das Bild der tierärztlichen Gesundheitssversorgung im 21. Jahrhundert drastisch verändert. Andere, wie Notfall- und Intensivmedizin oder interventionelle Radiologie, sind dabei, sich auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern zu entwickeln.

Die Fachtierärzte in diesen Disziplinen sind mehr und mehr auf eine fortschrittliche und reibungslose anästhesiologische und schmerztherapeutische Versorgung ihrer Tierpatienten angewiesen, um ihre diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen erfolgreich ausführen zu können.

Parallel mit diesen Fortschritten hat sich das Bewusstsein und die Erwartungshaltung der Tierbesitzer und der Öffentlichkeit insgesamt deutlich verändert, insbesondere was die Qualität und Sicherheit der Narkose- und Schmerzversorgung bei Tieren betrifft.

Entsprechend haben mehrere Organisationen, darunter die ACVAA, die American Animal Hospital Association (AAHA), die Gesellschaft für Pferdemedizin (GPM), und die AVA, über die Jahre Standards, Leitfäden, oder Richtlinien für die anästhesiologische und schmerztherapeutische Versorgung von Tieren entwickelt, die vielerorts von den nationalen Tierärztekammern und/oder Verbänden der praktizierenden Tierärzte als Richt- oder Leitlinien anerkannt wurden.

Auch sorgt sich die Öffentlichkeit mehr und mehr um die Narkose- und Schmerzversorgung von Labortieren, die in der biomedizinischen und biotechnologischen Forschung invasiven experimentellen Untersuchungen unterzogen werden.

Ungeachtet der zunehmenden Erwartung einer optimalen Narkose- und Schmerzversorgung innerhalb der Tierärzteschaft selbst und der allgemeinen Öffentlichkeit und ungeachtet der bereits erwähnten Standards bzw. Richtlinien, die alle eine adäquate Ausbildung des mit der anästhesiologischen Betreuung und Schmerzversorgung der Tiere betrauten tiermedizinischen Fachpersonals verlangen, bieten weder die Hochschulausbildung von Tiermedizinern, noch die Grundausbildung für tiermedizinische Fachangestellte/Biolaboranten oder anderes Fachpersonal eine zeitlich und inhaltlich ausreichende Unterrichtung auf dem Gebiet der Tieranästhesie und Schmerztherapie durch Experten an. Daher muss gerade für diese Zielgruppen eine Ausbildungslücke geschlossen werden, denn sie sind es, die am häufigsten die Narkose bei Tieren, die diagnostischen, chirurgischen oder experimentellen Eingriffen unterzogen werden, unmittelbar durchführen. Junge und in der Weiterbildung befindliche Tierärzte wie auch für tiermedizinische Fachangestellte, Biolaboranten oder VMTAs sind daher aufgerufen sich in speziellen, multimodularen Lehrgängen systematisch vertiefte Kenntnisse und Fähigkeiten auf dem Gebiet der modernen Anästhesie und Schmerztherapie bei Klein-, Groß- und Labortieren anzueignen.

Zahlreiche Fachverbände wie die ACVAA, AVA, ECVAA, GPM und Mitglieder im Bundesverband praktizierender Tierärzte haben die Ausbildungsdefizite auf dem Gebiet der Tieranästhesie und Schmerztherapie erkannt und suchen zur Zeit nach Strategien, diese Ausbildungslücken zu schließen.

Die fortschrittlichen Techniken der Veterinäranästhesie verlangen bekanntermaßen weiter reichende Kenntnisse und Fähigkeiten, als solche, die bislang in der tiermedizinischen Ausbildung oder Fachtierarztweiterbildung in den operativen Disziplinen wie Augenheilkunde, Chirurgie, Neurologie, Zahnheilkunde, Kleintiere oder Pferde berücksichtigt werden. Es wäre somit ideal würde auch in der Tiermedizin jeder Patient unter Aufsicht von FTÄ-AIS narkotisiert. Allerdings ist dies angesichts der sehr limitierten Zahl an Fachtierärzten oder Spezialisten, weltweit wie auch in Deutschland, zur Zeit und in der mittleren Zukunft unrealistisch. Hier sind aber technologische Fortschritte dabei neue Möglichkeiten zu eröffnen, wie individuelle Praxen und Kliniken auch im privaten Sektor Zugriff auf anästhesiologische Expertise erhalten können. Elektronischer Datentransfer und audiovisuelle Kommunikationen, wie sie bereits zwischen Krankenhäusern oder anderen Organisationsstrukturen im Rahmen der Telemedizin oder Telekonferenzen Anwendung finden, werden es privaten tiermedizinischen Einrichtungen in der nahen Zukunft erlauben, auch auf anästhesiologische Expertise zuzugreifen, wann und wenn immer notwendig, ohne dass Fachtierärzte für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie (FTÄ-AIS) notwendigerweise vor Ort sind.